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Neuer Rekord: in 24 Stunden von S nach N mit dem Tretroller quer durch Österreich!

Start in Kärnten (Foto: Matej-Balcar)Als Jugendlicher habe ich in einem Radgeschäft ausgeholfen um mein gebrauchtes Rennrad abzuarbeiten. Das war nicht ganz optimal denn ich hätte eher trainieren sollen – denn dann wäre vielleicht etwas aus mir geworden. Viele Bücher gab es in dem Geschäft natürlich nicht – aber das Buch von Franz Spielauer über das Race Across America habe ich doch gefunden und dort gleich gelesen. Seither verfolge ich das RAAM und so haben wir mit Guido den Vortrag von Severin Zotter bei Querkraft besucht, der das Rennen 2015 als Rookie gewonnen hat. Um sich und sein Team dafür zu testen hat er Österreich von Nord nach Süd durchquert – eine unter Ultraradfahrern beliebte Strecke. Was man mit dem Rad machen kann geht theoretisch auch mit dem Tretroller und so kam uns die lustige Idee es zu probieren. Das Konzept des Unterfangens war also klar, 24 Stunden als selbst gesetzter zeitlicher Horizont extrem sportlich.

Es war klar, dass nur gute Vorbereitung uns zum Ziel bringt – also eine deutliche Steigerung der Trainingsintensität, viele längere Einheiten, ein deutliches Plus an Kilometern und eine erprobte und robuste Ausrüstung.

Eigentlich wollten wir schon Ende April gemeinsam mit Niklas Rother aus Deutschland rollen, aber ein katastrophaler Wettersturz zwang uns zu einer Verlegung auf den 15/16 Mai und da hatte er keine Zeit mehr. Für diesen Zeitraum war die Vorhersage auch nicht optimal aber zumindest nicht durchgängig so schlecht.

Start (Foto: Matej Balcar)Der Plan sah auch vor, dass wir den Start auf 15:00 vorverlegen – das hat aber organisatorisch nicht geklappt und wir starteten doch um kurz vor 16:00 am Seebergsattel. Wir waren Zdenek Valenta aus Tschechien, Guido Pfeiffermann, Jurek Milewski und ich – sowie Elleonora Csakany, die uns phasenweise begleiten wollte.

Den erste Abschnitt von 165km und auch diese Abfahrt habe ich im Vorfeld schon ausprobiert und es ging super schnell los. Allerdings riss es die Gruppe leider gleich auseinander. Am Fuß des Berges stoppten Jurek und ich für einen schnellen Kleiderwechsel aber nachdem wir niemanden näher kommen sahen, fuhren wir hoch motiviert in einem zu hohem Tempo weiter. Dank der Pfingstfeiertage war der Verkehr überschaubar – gelegentlich waren Ortsdurchfahrten für Feuerwehrfeste gesperrt, was die Situation für das Begleitfahrzeug komplizierte. Wir vermieden konsequent Fahrradwege, weil diese zum Teil abenteuerlich geführt sind und nach noch Winter noch voller Streumaterial waren. Bis auf eine Situation und ein paar Autofahrer die uns anhupten, war es kein Problem. In der ersten größeren Steigung holte uns Guido ein und von da an fuhr das Team Austria vereint. Informationen über Elleonora und Zdenek bekamen wir nur bei den kurzen Stopps am Begleitfahrzeug. Nach der langen Zeit der Vorbereitung fühlte es sich gut an auf dem Weg zu sein aber ich wusste, nach Frantschach geht es lange bergauf – bis zu Kilometer 100 in Summe um 500 Höhenmeter. Etwa in der Hälfte der Steigung kamen wir in die Dämmerung und mussten unsere Lampen aufzusetzen und einzuschalten. Es gab drei unterschiedliche Strategien zum Licht und ich habe mich die ganze Nacht über meine Volkslight tiny sun gefreut, die in der sparsamen Einstellung nur die Hälfte des Akkus verbraucht hat. Auf dem Weg nach St. Leonhard unterquerten wir die Autobahnbrücke der Autobahn A2, die beeindruckend hoch ist.

David-Pasek-a-Jurek-MilewskiAb Zeltweg flogen wir förmlich über den Asphalt, wobei mir die Kollegen oft einen Tick zu schnell waren und ich war laufend damit beschäftigt, die Löcher zuzufahren. Nach einer kurzen Besprechung machten wir aber etwas langsamer und das war gut so. Die Nacht wurde dann rasch zappenduster und es schien, dass wir weit und breit ganz alleine sind. Angeblich ist die Gegend landschaftlich reizvoll, wir können nur etwas zu den Steigungen und dem Asphalt sagen.

Unsere Vorbereitung hat leider nicht so weit gereicht, im Begleitfahrzeug eine detaillierte Streckenkarte zu hinterlassen und so hatte Vladimir nur die Abfolge der wichtigsten Ortschaften aufgeschrieben. nach Zeltweg verloren wir das erste mal also unser Begleitfahrzeug, das uns, aber auch Elleonora und Zdenek im Auge behalten musste. Telefonisch bekamen wir die Logistik wieder in Griff, aber da befanden wir uns schon im Aufstieg nach Trofiach und über Präbichl nach Eisenerz. Der Anfang war noch fahrbar, aber beim 12% Schild entschieden wir uns für einen Spaziergang. Es wurde mit jedem Höhenmeter kälter und dann schneite es auch noch.

Meine linke Wade zeigte erste Anzeichen von Krampf und so nahm ich eine erste Portion Magnesium, trank mehr und kickte etwas anders. Ausgemacht war, dass wir am Gipfel einen kurzen Stopp einlegen, aber zum Glück stand der Bus lange davor. Ich hatte eine etwas verschobene Wahrnehmung und identifizierte ich diesen zuerst als Rettungswagen und wunderte mich, dass Jurek sich daran zu schaffen macht. Im Bus suchte ich dann verzweifelt meine warmen Handschuhe, aber nachdem ich diese nicht fand, nahm ich einfach die erstbesten – für jede Hand einen anderen – kalt war es trotzdem – aber zumindest erträglich. Am Garmin lies ich mir immer wieder das Profil anzeigen, aber ein Ende der Steigung war ganz lange nicht am Bildschirm. Es war wie ein Wunder oben anzukommen und die Abfahrt zu beginnen – nasse Fahrbahn trübte das Vergnügen aber wir machten endlich wieder richtig Meter. Unterwegs begegneten wir auf der Straße tollenden Rehen und wichen Käfern am Asphalt aus. Es regnete mehr und am Tretroller ist das kein Vergnügen: das Wasser spritzt vom Vorderrad, duscht den Fahrer vom Hinterrad und bald sind auch die Schuhe nass.

Guido-Pfeiffermann---onboard-goproDer Bus parkte hin und wieder am Straßenrand, die Crew nickte und wir füllten meist einfach Wasser nach und fuhren weiter. Zwischen all den Gels entdeckte ich meine Tafel Milka Triolade und das half.

An diesem Montag morgen erlebte ich den Sonnenaufgang so intensiv wie nie zuvor und die Sonnenstrahlen waren motivierend. Ich habe mir eingebildet, dass es bis zur Donau noch eine große Steigung gibt, aber war gar nicht böse, dass ich mich geirrt habe. Vor Amstetten fuhren wir auf einer autobahnartigen Straße die nur wegen des leichten Gefälles Spaß gemacht hat. Telefonisch haben wir mit dem Begleitteam einen Stopp mit Café ausgemacht aber um die Zeit hatte noch keine Tankstelle offen. Wir machten einen unserer Kurzstopps und ich zog mir trockene Schuhe und frische Socken an – ein Vergnügen – leider nur kurz, den es regnete bald wieder. Bis zur Donau ging es flott dahin und am nördlichen Ufer machten wir in Grein endlich den Stopp im Kaffeehaus. Wir waren so schnell da, dass unser Begleitteam noch nicht einmal bestellen konnte. Die Bedienung sah uns aber an, dass wir es eilig hatten und servierte blitzartig. Jurek ging es vom Magen her seit vielen Kilometern sichtlich schlecht – gegen Sodbrennen hatten wir nichts dabei und so goss er seinen heißen Tee in seine Trinkflasche.

Finale Grametten - Foto: David PasekDie Stimmung stieg, denn so schwer hat die Topographie des letzten Viertels in der Vorbereitung nicht mehr ausgesehen – aber das war ein schwerer Irrtum: Es folgte zuerst ein extremer Anstieg und auch dann gab es nur wenige Abfahrten im Verhältnis zum Aufstieg. Guido erklärte, er werde in dieser Gegend nie wieder mit dem Tretroller fahren. Wir zollten der zurückgelegten Strecke Tribut und die Geschwindigkeit sank und sank. Rechnerisch fielen wir das erste mal aus unserem 24h Ziel aber ich war noch zuversichtlich, dass uns nach dem langen Aufstieg die Abfahrten helfen werden. Diese gab es aber nicht mehr. Als moralische Stütze packte die junge tschechische Trettrollerfahrerin Elleonora aber Ihr gelbes Kickbike aus um uns zu begleiten. Beherzt wickelte sie sich aerodynamisch in den Abfahrten um den Lenker, trat kraftvoll in den Aufstiegen zog immer wieder auch als Pacemaker an der Spitze. Zudem bereicherte sie unsere inzwischen kargen Kommunikation. Das Wetter war wechselhaft, meist Gegenwind, immer wieder Regen, manchmal sogar etwas feinen Hagel. Irgendwann stellten wir den den österreichischen Tretrollerrekord von 372,15 km für 24h ein aber das half der Moral auch nicht mehr.

Trotz Navigation am Tacho haben wir uns ein paarmal verfahren und es war schwer einzuschätzen, wie weit es noch bis zur Grenze ist – mein Kopf übte sich in Kopfrechnen, aber nicht alle Ergebnisse waren auch richtig. Von Heidenreichstein macht das Profil zur Grenze einen Sägezahn, der mit frischen Beinen sicher Spaß macht, uns aber nur weh tat. Es rollte nicht mehr und wir absolvierten die schwersten Kilometer unseres Lebens. Statt der Grenze tauchte immer wieder noch ein Hügel auf. Als das blaue Grenzhüttchen auftauchte habe ich zuerst vermutet, es ist eine verlassen Tankstelle und konnte es nicht glauben. Wir mobilisierten unsere letzten Kräfte und rollten möglichst würdig bis zur Grenztafel: 406,34 km und 4737 Höhenmeter in 23:50:34.

Matěj Balcar hat mitgefilmt und über die Aktion einen sehenswerten YouTube-Film geschnitten:

Daten & Fakten

Start: Seebergsattel / Slowenische Grenze am 15.Mai 2016 ca 15:57
Ziel: Grametten / Tschechische Grenze am 16. Mai 2016 ca. 15:47

Streckeninfo:

Ziel (Foto: David Pasek)Tretrollerfahrer:

Support / Begleitfahrzeug / Begleittretrollerfahrer:

David Pašek

Autor: David Pašek

Brotberuf Architekt, begeisterter Tretrollersportler

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